Beratung beim Gehen
Die Natur als Co-Beraterin – wenn der äußere Weg den inneren Prozess in Bewegung bringt
Beratung, Coaching und Supervision finden meist in einem vertrauten Setting statt:
Zwei oder mehrere Menschen sitzen einander gegenüber, sprechen, reflektieren und suchen
nach neuen Perspektiven. Doch was verändert sich, wenn wir den Beratungsraum verlassen?
Wenn wir gemeinsam gehen – und dabei nicht nur die Bewegung, sondern auch die Landschaft
bewusst in den Prozess einbeziehen?
Dann kann aus einem einfachen „Walk & Talk“ etwas anderes entstehen:
Die Natur wird zur Co-Beraterin.
Ein schmaler Weg, eine Weggabelung, ein steiler Anstieg, eine Lichtung oder ein weiter
Blick sind dann nicht bloß Kulisse. Sie können zum Resonanzraum für das werden,
was Menschen gerade beschäftigt.
Der äußere Weg und der innere Weg
Unsere Sprache ist voller Bilder des Gehens und der Landschaft:
- Wir stehen am Scheideweg.
- Wir müssen eine Hürde überwinden.
- Etwas liegt wie ein Berg vor uns.
- Wir sehen keinen Ausweg.
- Wir wollen neue Wege gehen.
- Oder wir brauchen zunächst einmal einen Überblick.
Beim Gehen in der Natur werden solche sprachlichen Metaphern plötzlich real erlebbar.
Stellen wir uns beispielsweise eine Person vor, die zwischen zwei beruflichen
Möglichkeiten schwankt. Im Beratungsraum können wir die beiden Alternativen
aufschreiben, visualisieren und besprechen.
Bei einer Wanderung können wir zusätzlich an einer tatsächlichen Weggabelung stehen bleiben.
- Welcher Weg zieht mich spontan an?
- Was macht der breite, bekannte Weg mit mir – und was der schmale, unbekannte?
- Was brauche ich, um mich für einen Weg entscheiden zu können?
Die Entscheidung muss dabei keineswegs an dieser Kreuzung fallen. Entscheidend ist etwas
anderes: Ein abstraktes Thema erhält einen räumlichen und körperlichen Ausdruck.
Denken, Wahrnehmen und Bewegung kommen miteinander in Verbindung.
Nicht jede Weite tut gut – und nicht jede Enge ist unangenehm
Besonders interessant ist, dass Landschaften sehr unterschiedlich auf uns wirken.
Eine offene Fläche kann Freiheit und Möglichkeiten vermitteln. Sie kann aber auch das
Gefühl auslösen, ungeschützt zu sein. Ein enger Hohlweg wiederum kann als Begrenzung
erlebt werden – oder als Schutz.
Der Landschaftsforscher Jay Appleton beschrieb mit seiner
Prospect-Refuge-Theorie zwei grundlegende Qualitäten von Landschaft:
„Prospect“ bezeichnet Aussicht und Überblick, „Refuge“ Schutz und Rückzug.
Für Beratungsprozesse ergibt sich daraus eine spannende Frage:
Wo fühle ich mich sicher genug, um mich zu öffnen – und wo bekomme ich gleichzeitig
genügend Weite, um neue Möglichkeiten sehen zu können?
Manchmal kann deshalb eine Bank mit einer Baumgruppe im Rücken und einem weiten Blick
nach vorne ein völlig anderes Gespräch ermöglichen als ein ungeschützter Platz mitten
auf einer offenen Fläche.
Der Ort ist nicht neutral.
Wenn Entscheidungen körperlich werden
Die Idee dahinter lässt sich auch mit dem Konzept der Embodied Cognition
verbinden. Denken ist demnach nicht ausschließlich ein Vorgang „im Kopf“.
Körper, Wahrnehmung und Bewegung sind an unseren kognitiven Prozessen beteiligt.
Beim Gehen lässt sich das unmittelbar nutzen.
Eine Klientin kann beispielsweise verschiedene Positionen tatsächlich einnehmen.
Sie kann einen Weg einige Meter ausprobieren, wieder zurückkehren und anschließend
den anderen wählen.
- Wie verändert sich die Körperhaltung?
- Wo wird das Gehen leichter?
- Wo entsteht Widerstand?
- Was passiert mit dem Atem?
Damit wird aus der Frage „Welche Möglichkeit ist für mich richtig?“ eine Erfahrung,
die nicht ausschließlich sprachlich und analytisch bearbeitet wird.
Nebeneinander statt gegenüber
Auch die Beziehung zwischen Berater:in und Klient:in verändert sich beim Gehen.
Im klassischen Beratungsraum sitzen sich Menschen häufig gegenüber. Beim Gehen
bewegen sie sich dagegen meist nebeneinander.
Der permanente Blickkontakt fällt weg. Gerade bei persönlichen oder emotional
belastenden Themen kann das entlastend wirken. Schweigen wird beim Gehen oft
selbstverständlicher. Ein Gespräch darf stocken, ohne dass sofort das Gefühl entsteht,
die Pause füllen zu müssen.
Gleichzeitig entsteht ein gemeinsamer Rhythmus.
Schritt für Schritt passen Menschen häufig unbewusst Geschwindigkeit und Bewegung
aneinander an. Das gemeinsame Unterwegssein kann dadurch ein Gefühl von Verbindung
und Resonanz fördern.
Man ist nicht nur miteinander im Gespräch.
Man ist gemeinsam auf dem Weg.
Der Weg als Struktur eines Beratungsprozesses
Auch eine ganze Wanderung kann als Metapher für Veränderung verstanden werden.
- Wir brechen auf.
- Wir verlassen Bekanntes.
- Wir überschreiten eine Schwelle.
- Vielleicht wird der Weg anstrengend.
- Wir müssen unser Tempo verändern, eine Pause machen oder uns neu orientieren.
- Irgendwann erreichen wir einen Punkt, an dem wir zurückblicken können.
- Und schließlich kehren wir wieder zurück.
Diese Struktur weist Parallelen zur Heldenreise nach Joseph Campbell auf:
Aufbruch, Überschreiten einer Schwelle, Herausforderungen und schließlich Rückkehr
und Integration.
Für Beratung und Coaching lässt sich daraus eine wichtige Frage ableiten:
Wie gestalten wir nicht nur den Aufbruch, sondern auch die Rückkehr?
Denn die schönste Erkenntnis auf einem Berg nützt wenig, wenn sie nicht wieder ihren
Weg in den Alltag findet.
Und was passiert in Gruppen?
Noch spannender wird das Gehen, wenn nicht nur zwei Personen, sondern ganze Gruppen
unterwegs sind.
- Wer geht vorne?
- Wer bestimmt das Tempo?
- Wer bleibt zurück?
- Wer wartet auf andere?
- Wer geht neben wem?
- Wer übernimmt selbstverständlich Orientierung?
- Wer widerspricht der eingeschlagenen Richtung?
Viele gruppendynamische Prozesse werden beim gemeinsamen Unterwegssein sichtbar,
ohne dass dafür künstliche Übungen geschaffen werden müssen.
Auch die Sozialformen können bewusst wechseln: Eine Phase wird alleine und schweigend
gegangen, die nächste zu zweit, anschließend trifft sich die gesamte Gruppe wieder
zur gemeinsamen Reflexion.
Dadurch verändert sich immer wieder die Perspektive:
Ich – du – wir.
Gerade in Selbsterfahrungsgruppen kann der Weg so zu einer Bühne für Beziehung,
Rollen, Führung, Zugehörigkeit und Abgrenzung werden.
Die Natur liefert keine fertigen Antworten
Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität dieser Arbeitsweise.
- Eine Weggabelung sagt nicht, welcher Weg richtig ist.
- Ein Berg sagt nicht, ob wir ihn besteigen sollen.
- Ein umgestürzter Baum erklärt uns nicht, wie wir mit einem Hindernis in unserem Leben
umgehen müssen.
Die Landschaft bewertet nicht.
Die Bedeutung entsteht erst durch die Person, die ihr begegnet.
Damit unterscheidet sich die Arbeit mit Naturmetaphern auch von einer vorschnellen
Interpretation durch Berater:innen. Nicht die Beraterin oder der Berater entscheidet:
„Dieser enge Weg steht für deine derzeitige Lebenssituation.“
Die interessantere Frage lautet:
„Was hat dieser Weg mit dir zu tun – wenn überhaupt?“
- Vielleicht bedeutet der Hohlweg Enge.
- Vielleicht bedeutet er Schutz.
- Und vielleicht ist er einfach nur ein Hohlweg.
Mehr als Walk & Talk
Beratung beim Gehen bedeutet daher nicht automatisch naturraumgestützte oder
metaphorische Beratung.
Man kann eine Beratungsstunde problemlos vom Praxisraum auf einen Spazierweg verlegen
und dort im Wesentlichen dasselbe Gespräch führen.
Die Natur als Co-Beraterin zu verstehen, geht einen Schritt weiter.
Der Raum wird bewusst wahrgenommen und – wo es zum Prozess passt – methodisch einbezogen.
Wegverläufe, Kreuzungen, Grenzen, Höhenunterschiede, Aussichtspunkte oder geschützte
Plätze können zu Impulsen werden.
Der äußere Weg tritt in Resonanz mit dem inneren Weg.
Und manchmal entsteht genau dadurch eine neue Perspektive, die im Sitzen und Reden
allein schwerer zugänglich gewesen wäre.
Eine kleine Einladung
Probieren Sie es bei Ihrem nächsten Coaching, Ihrer nächsten Supervision oder auch
einfach bei einer eigenen Reflexion aus:
- Gehen Sie ein Stück – zunächst ohne eine bestimmte Intervention.
- Beobachten Sie, welche Orte Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
- Wo möchten Sie stehen bleiben?
- Wo fühlen Sie sich wohl?
- Wo möchten Sie schnell weiter?
- Wo öffnet sich der Blick?
Und dann stellen Sie sich nur eine Frage:
Wenn dieser Ort etwas mit meinem aktuellen Thema zu tun hätte – was könnte es sein?
Vielleicht ist die Antwort überraschend.
Vielleicht gibt es auch keine.
Beides darf sein.
Denn eine gute Co-Beraterin drängt sich nicht auf.
Vertiefende Literatur
- Gerschirner, R. (2021): Walk and Talk: Beratung und Coaching im Gehen. Ein praktischer Leitfaden. Springer Fachmedien.
- Niedermaier, S. (2018): Natur als Partner in Coaching und Beratung: Die Psychologie der Naturbegegnung. Junfermann Verlag.
- Oppelt, C. (2019): Wandercoaching: Die Methode für den Weg zu sich selbst. Carl-Auer Verlag.
- Storch, M., Cantieni, B., Hüther, G. & Tschacher, W. (2010): Verkörperte Kommunikation: Embodiment zwischen Neurobiologie und Systemik. Klett-Cotta.
- Schmeißer, J. (2015): Wandern – Interventionsmöglichkeiten für Beratung, Coaching, Psychotherapie. In H.-D. Quack (Hrsg.), Wandern und Gesundheit: Konzepte und Erfahrungen für einen wachsenden Markt, S. 147–160. Erich Schmidt Verlag.
- Appleton, J. (1975): The Experience of Landscape. Wiley. – Grundlagenwerk zur Prospect-Refuge-Theorie.
- Campbell, J. (1949/2011): Der Heros in tausend Gestalten. Insel Verlag. – Grundlagen zur Heldenreise und zu Transformationsprozessen.
Michael Gruber-Schilling
Michael Gruber-Schilling ist Sozialpädagoge, Erwachsenenbildner, psychosozialer Berater sowie Outdoor- und Erlebnispädagoge. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen und Gruppen in Lern-, Entwicklungs- und Veränderungsprozessen. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Gruppenprozesse, Kommunikation, soziale Kompetenz und erfahrungsorientiertes Lernen. Als Lehrtrainer bei AGB-Seminare verbindet er fundierte theoretische Modelle mit praxisnahen Methoden und unmittelbarer Selbsterfahrung.