Demokratie – aus systemischer Perspektive
Die Sorge um den Verlust demokratischer Errungenschaften wächst, da zunehmend Menschen glauben, autoritäre oder rechtsextreme Führungspersönlichkeiten könnten bessere Lösungen bieten. Gleichzeitig werden Tendenzen sichtbar, demokratische Grundprinzipien infrage zu stellen oder aufzugeben.
Systemische Betrachtung einer Demokratie
Demokratie bezeichnet eine Staats- und Herrschaftsform, in der politische Macht vom Volk ausgeht und durch Wahlen sowie rechtsstaatliche Institutionen legitimiert wird.
Eine der frühesten Beschreibungen demokratischer Herrschaft findet sich bei Herodot (um 430 v. Chr.). Damals waren „Gleichheit vor dem Gesetz, gleiches Rederecht und gleicher Anspruch auf Herrschaft“ die wesentlichen Begriffe.
Oftmals wird unter Demokratie eine Organisationsform verstanden, die als Grundlage die Partizipation bzw. Teilhabe aller an der politischen Willensbildung beinhaltet.
Eine bekannte Formulierung der Demokratie lautet: „Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk.“. Diese wurde von Abraham Lincoln geprägt. Unter „Volk“ werden alle Staatsbürger*innen verstanden.
Nach Kurt Leo Shell ist Demokratie „ein System, das allen Staatsbürger*innen von einem bestimmten Alter an das gleiche Recht zubilligt, ihren Willen ohne rechtliche Diskriminierung oder Unterdrückung zu bilden, auszudrücken und bei allen sie betreffenden Gesetzen zumindest indirekt zu partizipieren.“
Unter einem System verstehen wir ein Wirkungsgefüge von Elementen und ihren Wechselwirkungen. Soziale Systeme können aufgrund eines Zwecks, eines Ziels, einer Aufgabe oder einer gemeinsamen Herausforderung entstehen, die nur gemeinsam bewältigt werden kann. Demokratien beruhen auf dem Anspruch, demokratische Grundrechte und Institutionen zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Aus systemischer Perspektive kann Demokratie als ein Wirkungsgefüge gesellschaftlicher Institutionen und Akteure verstanden werden, das der Sicherung demokratischer Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (im Sinne von gesellschaftlicher Solidarität) dient.
In einem demokratischen Staatssystem sind viele soziale Subsysteme maßgeblich beteiligt wie politische Parteien, Parlament, Regierung, Staatsoberhaupt (Bundespräsident), Rechtsprechung, Gesetzgebung, Polizei, Militär, Behörden und öffentliche Verwaltung sowie Organisationen der Zivilgesellschaft und Unternehmen. All diese sozialen Systeme werden aus Menschen gebildet, die einem oder mehreren Subsystemen gleichzeitig oder zeitweilig angehören können.
In demokratischen Verfassungen sind grundlegende Werte verankert, darunter:
- Meinungs- und Pressefreiheit
- Menschenrechte und Minderheitenschutz
- Rechtsstaatlichkeit und friedlicher Regierungswechsel
- Sozialstaatlichkeit und Schutz des Privateigentums
- Pluralismus
Systemische Prinzipien
In allen sozialen Systemen – und damit auch in einer Demokratie – wirken systemische Prinzipien. Die systemischen Prinzipien werden laut Matthias Varga von Kibéd – nicht deskriptiv (so ist es), nicht normativ (so soll es sein), sondern kurativ (lösungs- und ressourcenorientiert im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit des Systems) – verstanden, definiert und angewendet.
Die systemischen Prinzipien beruhen auf Erfahrungen, die über Jahrzehnte in verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichsten Systemen gemacht wurden. Zu den wichtigsten Einflüssen zählen das systemische Denken von Norbert Wiener, Ludwig von Bertalanffy und der Palo-Alto-Schule mit Gregory Bateson und Paul Watzlawick.
Eine besondere Rolle dabei spielt Ivan Böszörményi-Nagy mit der Transgenerationellen Solidarität (Wichtigkeit generationsübergreifender Muster) und den Ausgleichsbedingungen in menschlichen Beziehungssystemen (Ausgleich von Geben und Nehmen).
Einige systemische Ansätze wurden später – unter anderem auch von Bert Hellinger – aufgegriffen und weiterentwickelt. Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd haben die systemischen Prinzipien systemtheoretisch umdefiniert, vervollständigt und auf soziale Systeme anwendbar gemacht.
Systemische Prinzipien sind ein Weg zur Förderung von Ressourcen ohne Einsatz von Gewalt oder Kampf. Marshall Rosenberg formulierte sinngemäß: „In der Kommunikation kann man siegen oder glücklich sein.“ Vergleichbar dazu könnte man sagen: „In Systemen kann man herrschen oder wertschätzend miteinander umgehen!“
Existenzsicherung durch Zusammenhalt
Systemtheoretisch lässt sich argumentieren, dass Systeme immer dann gebildet werden, wenn Individuen ein Ziel nicht allein erreichen können. Systeme existieren so lange, bis das Ziel erreicht oder erfüllt wurde. Viele zweckorientierte Systeme verändern sich oder lösen sich auf, wenn ihr ursprünglicher Zweck entfällt. Systeme fördern und führen zur Verbundenheit.
Um seinen Zweck zu erfüllen oder sein Ziel zu erreichen, muss ein System als handlungsfähiges System bestehen bleiben. Aus diesem Grund versuchen Systeme, ihre Existenz durch unterschiedliche Strategien zu schützen. Diese Strategien sind die Basis für die Steuerung oder Führung von Systemen. Aus systemischer Sicht sind fast alle Systeme auf „Existenzsicherung“ ausgerichtet.
Das Ziel die Demokratie zu erhalten ist nicht durch eine einzelne Person zu erreichen.
Der Erhalt einer Demokratie ist eine gemeinschaftliche Aufgabe. Der Schutz demokratischer Strukturen ist auf das Zusammenwirken vieler Akteure angewiesen.
Gleichheitsprinzip und Individuation
In Systemen hat jedes Element das gleiche Recht auf Zugehörigkeit. Demokratien basieren ebenfalls auf dem Gleichheitsprinzip. Menschen gelten unabhängig von ihren individuellen Unterschieden als gleichwertig und gleichberechtigt und ihre genetische, physische, psychische und kulturelle Individualität wird respektiert.
Alle Bürger*innen in einer Demokratie werden unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion, … als gleichwertig angesehen und haben das gleiche Recht auf Zugehörigkeit. Dieses gleiche Recht auf Zugehörigkeit überträgt sich dann auch auf alle daraus abzuleitenden Rechte wie Meinungsfreiheit, politische Mitwirkung, Schutz durch den Rechtsstaat und Gleichbehandlung.
Wird der persönliche Einsatz stärker berücksichtigt als ausschließlich das erzielte Ergebnis, stärkt dies Anerkennung, Motivation und langfristig die Resilienz des Systems.
In resilienten Systemen ist die Förderung der individuellen Fähigkeiten einzelner Mitglieder besonders wichtig. Allerdings ist dabei die Balance zwischen gemeinschaftlichen Werten und individuellem Nutzen zu beachten.
Stärkung der Demokratie von innen
Soziale Systeme entwickeln sich überwiegend durch die Interaktionen ihrer Mitglieder und lassen sich nur begrenzt von außen steuern. Jeder Mensch kann durch sein Verhalten Verantwortung übernehmen und dadurch Veränderungen in seinem sozialen Umfeld anstoßen. Eine Veränderung in einem Subsystem kann somit zu Veränderungen der Muster in größeren Systemen führen. Vergleiche dazu den wunderbaren Artikel meiner AGB-Kollegin Lisa Kolb „Wir schwärmen für Demokratie“
Aus systemischer Sicht könnte unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen eine stärkere politische Partizipation dauerhaft ansässiger Menschen – beispielsweise durch ein erweitertes kommunales Wahlrecht – das Zugehörigkeitsgefühl und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Ob und in welcher Form eine solche Ausweitung politischer Beteiligungsrechte erfolgen sollte, ist jedoch eine politische und verfassungsrechtliche Entscheidung.
Das Ziel demokratische Strukturen und Werte zu erhalten führt zur Bildung von Systemen und fördert Kooperation, Verbundenheit und gegenseitige Verantwortung.
Hinweis
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Gut aufgestellt – Systemische Methoden und Aufstellungsarbeit 2026/27“
Harald Heinrich
Harald Heinrich ist Trainer, Erwachsenenbildner und Autor mit den Schwerpunkten systemisches Denken, Kommunikation, Führung und Persönlichkeitsentwicklung. In seinen Beiträgen verbindet er Erkenntnisse aus der Systemtheorie mit praxisnahen Impulsen für Organisationen, Gesellschaft und persönliche Entwicklung. Sein Anliegen ist es, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und Perspektiven aufzuzeigen, die Zusammenarbeit, Verantwortung und nachhaltige Lösungen fördern.